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New York.
(AWJ) Geräuschvoll öffnen die ersten Geschäfte ihre Rolläden.
Hektische Geschäftsmänner stürzen ihre Pappbecher voll
Kaffee im Stehen an den Straßenecken hinunter. Währenddessen
treibt eine kleine Gruppe bunt bemalter Großstadtindianer zielstrebig,
doch wenig beachtet, durch das gerade eben erst erwachende East Village.
Spätestens bei der Ankunft an der deutschen Kneipe "Zum Schneider"
wird ihre Mission klar. Es sind deutsche Schlachtenbummler, die sich zum
großen Showdown und Stammestreffen einfinden, um gemeinsam Sieg
oder Niederlage der Deutschen Mannschaft beim WM- Viertelfinale zu zelebrieren,
doch ans Verlieren denkt wohl vorerst noch Keiner.
Der Gegner,
das erklärt den besonders großen Andrang am Einlass, sind die
USA selbst, das Gastland derer, die hier ihren Urlaub verbringen oder
gar die Wahlheimat, derer, die der hochgelobten und an diesem Morgen vielbesungenen
"Deutschen Gemütlichkeit" für immer abgeschworen haben.
Die wenigen Amerikaner, die sich tatsächlich in die Höhle des
Löwen vorgewagt haben ernten ein bisschen Respekt für ihren
Mut und jede Menge mitleidige Blicke."Nichts gegen die Amerikaner,
das sind prima Sportler, nur vom Fußballspielen verstehen sie nicht
viel", meint Christoph aus Dortmund, der gerade seinen in New York
lebendenden Bruder besucht.
Anpfiff: Die Stimmung ist gut bis ausgelassen, die Luft eher stickig,
kein Wunder, die Biergarten Kneipe ist auch zum Brechen voll. Dennoch
drücken sich diejenigen, die den Schritt über die Schwelle nicht
mehr geschafft haben, ihre Nasen an den Fensterscheiben platt. Vielleicht
besteht die Möglichkeit doch noch einen Blick auf den Fernseher zu
erhaschen und an der brüderlichen Einigkeit der Fußballfreunde
teilzuhaben. Drinnen köchelt die feucht-warme Stimmung von heiser
gegrölten Salven auf Rudi, Deutschland und den Fußball an sich,
vor sich hin. Die handvoll fähnchenschwingender Amerikaner hält
sich wacker und versucht mit gelegentlichen U-S-A-Rufen auf sich aufmerksam
zu machen. "Ich bin vor allem wegen der Stimmung und dem Spaß
hier, weniger wegen dem Team", erklärt Sandy ihre Beweggründe.
Und so werden die Amerikaner zu Ausländern in ihrem eigenen Land.
Dass das Spiel mit dem Ball an den Füßen zu den absoluten Randsportarten
in den USA zählt, ist ohnehin weder zu übersehen noch zu überhören.
Der einzige der rund 80 Fernsehsender, der eine ordentlich kommentierte
Übertragung des Spiels und dies auch noch live anbietet , ist ausgerechnet
der spanischsprachige Kanal Galavision, was zuweilen zu leichten Verwirrungen
führt, denn wenn sich der Kommentator beim Sprechen fast schon überschlägt,
ist es dann doch meist nur ein Einwurf. Doch zum Glück läßt
sich das etwas lahmende Spiel auch verstehen, wenn nicht jede Bewegung
der Spieler verständlich ist. Mangels deutscher Sprachkenntnis auf
Seiten des Moderators wird aus Nationalspieler Miroslav Klose so kurzerhand
"Santa Claus", der Weihnachtsmann, der die Geschenke und in
diesem Fall die langersehnten Tore liefert. Von beidem aber auch nach
halbstündiger Spielzeit nichts zu sehen. Vom vielen "Jetzt gehts
los" und "ole, ole" Brüllen schon ganz durstig, wird
sich erstmal ein kühles Hefeweizen einverleibt.
In der 38.
Minute findet das gespannte Warten, Hoffen und Bangen endlich ein zumindest
vorläufiges Ende: Das 1:0 von Ballack wird vom Moderator mit "Goooooool"
verkündet und die Fußballgemeinde übertönt die Botschaft
mit einem frenetischen "Toooooooooor" Urschrei, während
vorbeilaufende Passanten nur ein erstauntes "Whats going on here?"
zu verkünden haben. Entspannt schwappen die Fußballfreunde
hinüber in die Halbzeitpause. Aus den Lautsprechern dröhnt "Es
gibt nur einen Rudi Völler..", Keipenwirt Sylvester Schneider,
mit dem Trikot seines Namensgefährten mit der Nummer 19 tanzt ausgelassen
auf der Theke. Es kann nur noch besser werden.
Die zweite Spielzeit bringt jedoch eher mittelmäßiges Spielvergnügen
an den Tag. Ein paar gute Chancen für die amerikanische Mannschaft
aber "Oli", darin ist man sich einig, ist eben der Beste. Mangels
spannender Zweikämpfe und Adrenalinspiegelanhebender Tore, wenden
sich einige Zuschauer dann doch lieber einem deftigen Weißwurstfrühstück
zu, ein Gebahren, dass für die anwesenden Amerikaner eher exotisch
anmutet.
Unbeirrt der eher mühseligen Abläufe des auf Bildschirmeinheit
reduzierten Rasenspiels, läutet die trikottragende Gemeinschaft eine
neue Runde der Sprechgesäge ein. "Einer geht noch, einer geht
noch rein", gemeint ist der Ball der, nicht nur von Fuß zu
Fuß sondern vor allem endlich noch einmal ins amerikanische Tor
springen soll. Angesichtes dieser Flaute fühlen sich einige "
star spangeled banner"-schwingenden Amerikaner dazu annimiert ihre
Zugehörigkeit noch etwas lauter zu verkünden, doch auch die
Lautstärke macht aus dieser temporären Minderheit keine Mehrheit.
Nach 90 Minuten endlich der Abpfiff. "Es war nicht großartig
aber immerhin haben wir gewonnen", gesteht Olaf im Deutschen Trikot.
Jetzt hat man wenigstens einen Grund zum Feiern, das ist doch auch schon
mal etwas wert. Freudentänze auf Tischen und Stühlen, ein Prosit
auf Rudi und ein kräftiger Schluck Bier. Der Tag im Exil ist gerettet,
zumindest für die deutschen Fans. Nicht daß das Szenario an
sich schon eigenartig genug wäre, doch die angestimmte "Ihr
könnt nach Hause gehn"-Hymne wirft dann doch noch einige Fragen
auf.
Für
die Amerika Woche
Julia Jacob
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